Wenn Alles tödlich still ist – Kapitel 1

Meine Lieben, ich habe es heute geschafft und kann euch mit stolz schon einen weiteren Teil von dem ‚Buch‘ präsentieren. Ich danke euch für die lieben Kommentare und bin wirklich froh über eure Meinungen. Ich freue mich über jedes kleine Kommentar, jede Anregung oder auch Kritik von euch. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen und freue mich auf eure Meinungen.

Falls ihr den Prolog vorher noch nicht gelesen habt, findet ihr diesen hier.
Als Musik habe ich zu diesem Kapitel dieses und dieses Lied gehört.

Ich stehe vor den Trümmern meines Lebens. Ich stehe vor dem Grab des einen Menschen, der mir mit der Wichtigste war. Er war ein Teil von mir. Der gute Teil von mir. Der Teil, der mich zu dem gemacht hat, was ich war; der mich geschützt hat vor den Dingen, die in mir waren. Er war mein Halt und nun falle ich in den Abgrund ohne Netz oder doppelten Boden. Ich falle und falle. Aber es hört nicht auf weh zu tun.

Die Blumen auf seinem Grab blühen wie das Leben, aber in mir blüht Nichts mehr. Heute habe ich ihm eine Sonnenblume mitgebracht, dabei hat er Blumen nicht mal sonderlich gemocht oder geschätzt. Es war ein Wunder, wenn eine Zimmerpflanze bei ihm länger als ein paar Wochen überlebt hat.

Ich komme jeden Tag hier her und treffe oft die selben Leute, die genau so trauern wie ich. Der einzige Unterschied, besteht darin, dass diese Menschen, die größtenteils hier sind, sehr viel älter sind als ich. Sie haben einen Menschen verloren, weil er alt oder krank war. Er war keines von Beidem. Weder alt, noch krank. Ganz selten sehe ich auch mal junge Menschen in meinem Alter, die vor einem Grab stehen. Aber diese kommen dann einen Tag und selten wieder. Ich bin jeden Tag hier. Jeden Tag sitze ich auf der kleinen Bank, die wir hier hinstellen lassen haben. Es ist ein schönes Grab, auch wenn der Stein noch nicht da ist. Das dauert noch ein wenig und ich habe es ehrlich gesagt immer noch nicht geschafft einen passenden Grabstein auszuwählen. Ich möchte weder was klassisches, noch was super außer-gewöhnliches: Ich wünsche mir einen Stein, der zu ihm passt, der ihm gefallen hätte und für den er mich nicht ausgelacht hätte, denn er war immer derjenige gewesen, der den besseren Geschmack von uns hatte – meinte er zumindest.

So sitze ich also wie jeden Tag auf der Bank und denke darüber nach, wie mein Leben weitergehen soll. Das Schlimmste ist, dass ich Alles andere über den Schmerz hinweg vergesse. Es ist mir Alles vollkommen egal geworden, ich versinke in dem tiefen Schmerz. Manchmal, wenn es eine ganz normale Alltagssituation ist, ich zum Beispiel einkaufen bin und es mir wirklich gut geht, trifft es mich wie ein Schlag.

Neulich stand ich in einem Supermarkt an der Kasse, vor mir zwei Jungs, die ungefähr acht und zehn Jahre alt sein mussten. Sie neckten sich, der eine zog dem anderen die Kappe vom Kopf, was der deutlich Jüngere sich natürlich nicht gefallen lassen wollte und versuchte sie zurück zu bekommen. „Gib das her, Jonas!“, rief er laut durch den Laden und die Mutter, die grad dabei war die Ware vom Kassenband in den Wagen zu verstauen, drehte sich irgendwann zu ihren Kindern um. „Jonas, gib deinem Bruder seine Kappe sofort zurück“, sagte sie freundlich, aber dennoch bestimmend. „Wieso denn?“, grinste der Junge, der Jonas hieß und schob seine Unterlippe grinsend vor. „Weil ich es dir sage.. Hier“, sagte sie und gab ihren Söhnen zwei Eis’. „Nimm deinen Bruder und geht schon mal zum Auto. Ich bin sofort da“, sagte sie lächelnd. Der ältere Junge nahm die zwei Eis’, sagte zu seinem Bruder: „Komm jetzt, Kleiner!“, nahm diesen an die Hand und so gingen sie Hand-in-Hand auf den Supermarktparkplatz. Die Mutter schüttelte nur lächelnd den Kopf. Mir standen die Tränen so weit in den Augen, ich hatte einen Kloß im Hals, der jeden Moment zu platzen drohte. Ich verließ den Laden sofort, ließ die Sachen auf dem Fließband liegen und fuhr nach Hause. Zu dem Ort, der Alles nur noch schlimmer machte.

Ich fühle mich näher bei ihm, wenn ich hier auf der Bank sitze, auch wenn es total bescheuert ist. Eigentlich glaube ich daran, dass er irgendwo ist, seine Seele irgendwo rumschwirrt, aber ich fühle ihn nicht. Ich habe keine Ahnung, ob er mich siehst, ob er weiß, wie es mir geht. Urplötzlich wird mir klar: Wenn er mich sehen würde, wäre er sauer. Wahrscheinlich richtig sauer, weil ich mich so sehr hängen lasse. Vielleicht würde er sich auch freuen, weil ich ihn wirklich vermisse, aber im Grunde wäre es das Schlimmste für ihn mich so zu sehen. Ich schäme mich für mein Verhalten, ich mache Alles kaputt. Es ist nicht nur so, dass sein Leben nicht mehr weitergeht. Ich stecke genauso im Stillstand still, mache nicht mehr weiter, seit dem Tag, an dem ich erfahren habe, dass er nicht mehr da ist. Morgens stehe ich auf, lebe in den Tag hinein. Manchmal bin ich kaum ansprechbar, weil ich so in meiner Trauer gefangen bin. Es ist nicht einfach, es ist sogar unerträglich. Ich beschließe mein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wir müssen ausziehen aus dem Haus, was so viel bedeutet, weil ich es sonst nie loswerden kann dieses Gefühl. Ich will nicht ihn loswerden, ich kann nur nicht Alles ansehen und Erinnerungen im Kopf haben bei diesem wundervollen Haus, was mir so lange Zeit ein Zuhause war. Seit er weg ist, ist es für uns Alle kein Zuhause mehr.

Ich muss irgendwie weiter machen und eigentlich muss ich mir auch helfen lassen. Aber ich weiß einfach nicht, wie. Weiß nicht, wie Alles wieder besser werden kann ohne ihn. Ich fühle mich so schwach, wie nie zuvor in meinem Leben. Als ich gerade gehen will, sehe ich eine Person, die mir sehr bekannt ist. Ich weiß nicht, ob ich gehen oder bleiben soll. Denke wieder daran: Was, wenn er mich hier sieht und sieht, wie ich mich verhalte? Dass ich einfach weglaufe und selbst nicht einmal sagen kann, warum ich dieses Fluchtgefühl in mir spüre. Ich weiß genau, dass er dich geliebt hat. Vielleicht sogar, so sehr, wie ich dich geliebt habe. Er kommt näher. Noch 30 Meter. Gehen oder bleiben? Gehen oder bleiben? Gesehen hat er mich nun sowieso schon. Ich will ihn nicht sehen, genau so wenig wie irgendwen, der weiß, wie es mir geht. Niemand kann nachempfinden, wie es mir geht und nun treffe ich wohl den Menschen, der diesem Empfinden am Nähesten kommt. Den Menschen, der wohl am ehesten das empfindet, wie ich. Schmerz, Trauer, Wut. Okay, die Überlegungen haben sich so eben erledigt: Er ist da.

„Hi, Nick wie geht es dir?“, fragt er mich, während er auf mich zukommt und mich umarmt. Ich erwidere diese Umarmung halbherzig, ich will weder große Gefühle loslassen, noch irgendwelche Nähe spüren. Am Liebsten möchte ich einfach nur wieder gehen, ohne ihn zu sehen.

Er sieht furchtbar aus. Er hat tiefe Augenringe und sein Gesicht ist eingefallen. Ich hatte Recht: Es geht ihm so wie mir! „Wie soll es mir gehen?“, frage ich ihn mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Ja, du hast Recht. Entschuldige die blöde Fragerei. Ist die Sonnenblume von dir?“, fragt er dann. Ich nicke, er lächelt und wir schweigen. So schweigend stehen wir mehrere Minuten nebeneinander. „Wir haben uns irgendwie immer verpasst. Du bist doch jeden Tag gekommen oder? Ich habe die Blumen gesehen“, bricht Mark das Schweigen. Mark, der Unfehlbare. Mark, der Wunderbare. Mark, der Perfekte. Mark, der Mann meines Bruders.

Wie ihr vielleicht merkt, habe ich euch heute schon ein Geheimnis verraten. Ein Geheimnis, welches eigentlich gar keins ist und dennoch ist es etwas, was ich nicht Jedem erzähle: Mein Bruder war seit drei Jahren mit einem Mann verheiratet.

Als ich damals vor zehn Jahren, Alex war 15, rausgefunden habe, dass er wirklich schwul war, war ich erst einmal ein wenig geschockt. Ich war immer der Meinung gewesen, dass mein Bruder nur schüchtern war und deshalb keine Freundin hatte. Als ich ihn dann eines Abends mal wieder darauf ansprach, platzte die Bombe: Er hatte bereits seit drei Monaten einen festen Freund. Festen. Freund. Freund. Mann. Mark.

Ich war entsetzt. Nicht, weil ich was gegen Homosexualität hatte, sondern einfach nur, weil ich es nicht erwartet habe, dass mein Bruder mir vorenthält, dass er einen Freund hat, das er verliebt und schwul ist. Das war der größere Schock. Ich war ein wenig gekränkt, beruhigte mich aber sehr schnell wieder.

„Vermisst du ihn sehr?“, beendet Mark meine Gedanken. Ich sehe ihn an und nicke einfach nur stumm. Er versteht mich, weil er mich immer verstanden hat. Weil er derjenige war und ist, der meinen Bruder so sehr liebte. „Wie ist es bei dir?“ Er zuckt die Achseln. „Es ist schrecklich“, sagt er leise flüsternd mit dem Blick auf das provisorische Holzkreuz gerichtet. Alexander Förster, *15.07.1985 25.12.2010.

Es wurde Mittags und die Sonne, die wir zu dieser Jahreszeit eher selten am Himmel sahen, beschien uns, während wir auf der kleinen Bank saßen und redeten. Es war fast so wie früher, außer das Alex nicht dabei war. Im gewissen Sinne wussten wir aber, dass er hier dabei war und ich glaube das brachte uns dazu inzwischen schon vier Stunden hier zu sein. Sonst war ich ca. eine halbe Stunde auf dem Friedhof. Ich brachte die Blume vorbei, erzählte meinem Bruder, wie es mir ging, was ich so machte und ging wieder nach Hause. Dazu muss ich sagen, dass ich sogar nach seinem Tod die Wahrheit vor ihm verstecke. Ich würde nie zugeben vor ihm, wie schlecht es mir wirklich geht. Wenn er mich also tatsächlich irgendwie sehen sollte, dann werde ich mich nach Erfahren dieser Neuigkeit noch schämen müssen.

„Wie kommt es, dass ich dich nie Zuhause sehe?“, fragt Mark mich plötzlich. Bitte, lass uns nicht über Zuhause reden – denke ich. „Keine Ahnung, vielleicht achtest du zur falschen Zeit darauf“, gebe ich von mir und muss innerlich grinsen. „Nick, wir leben in einem Haus. Ich sehe dich nie. Was tust du denn den ganzen Tag?“, fragt er mich und ich sehe ihn an. Wir wohnen in einem Haus, sprich: Alexander und Mark haben die Wohnung über meiner und gehen durch den Flur meiner Wohnung in ihre.

Verzeihung, Mark geht, Alexander ging.

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Über wortgeschichten

Lisa, 19, with love to books, music and life.
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7 Antworten zu Wenn Alles tödlich still ist – Kapitel 1

  1. lotusblumenblatt schreibt:

    Was für ein Abschnitt.
    Beim Lesen der Namen – Nick und Alex. Ich habe mich gefreut.
    Natürlich soll es sich nicht zwangsläufig um diese Personen handeln, dennoch habe ich mich gefreut, denn sie passen einfach so sehr. ♥
    Der Kloß, den Nick an der Kasse im Supermarkt spürte, begleitete mich durch dieses ganze Kapitel.
    Mir fehlen die Worte. Es ist unglaublich traurig.
    Und dennoch ist es vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass die beiden Menschen, die einen ähnlichen Schmerz empfinden zu scheinen, endlich einmal miteinander reden.
    Ich bin sehr gespannt wie es mit Nick – und auch mit Mark – weitergehen wird.

  2. X schreibt:

    Hallo Lisa.
    Ich habe ebenfalls deine Geschichte gelesen und ich muss sagen, dass ich wirklich begeistert bin. Begeistert weil du das Schreiben als Hobby hast und begeistert, weil du so wundervoll schreiben kannst.
    Ich bin gespannt wie es weitergeht.
    Und… nun ja.
    Ich mag Mark. 😉

    Liebste Grüße ♥

  3. Fabi schreibt:

    Ich bin auch beeindruckt und bin gespannt aufs nächste Kapitel. Ein guter Schachzug, mit einer Beerdigung zu beginnen. Ich bin gespannt auf mehr!

  4. Iki schreibt:

    Hey Maus.
    Ich find deine Geschichte mal wieder echt nicht schlecht 😛
    Die Story hört sich viel versprechend an und die Personen scheinen echt Charakter zu haben.
    Ich find es ist echt berührend was du schreibst, allein schon weil ich solche Ängste und Gedanken kenne.
    Ich habe noch nie einen Menschen verloren, nicht so… Aber trotzdem kenn ich die Angst davor nur zu gut.
    Ich finde deinen Schreibstil wirklich gut, auch wenn ich finde das es sich fast zu viel im Kopf der Personen abspielt, man hat kaum außen Handlung, das macht es sehr Personen bezogen.
    Aber das mögen ja viele Menschen auch.
    Ich find es Schade, dass man die Namen schon kennt aus anderen Geschichten, so hat man sofort ein Bild vor Augen und kann die Story gar nicht alleine auf sich wirken lassen, andere Namen hätte ich besser gefunden 😛

    Aber alles in allem hast du mal wieder ganze Arbeit geleistet!
    Vielleicht solltest du wirklich mal überlegen ein Buch zu schreiben und an einen Verlag zu schicken, du könntest erfolg haben und dann mit deinem Hobby auch Geld verdienen 😛
    Ich würd mich freuen deinen Namen iwann auf einem Cover wieder zu finden. Das Buch würde ich auf jeden Fall Kaufen 😛
    Ich freu mich auf mehr

    • Lisa schreibt:

      Liebe Iki, ich habe mir überlegt hier auch mal auf ein paar Kommentare zu antworten und deines ist das Erste, zu dem ich mich zu Wort melde.

      Du hast genau die Dinge angesprochen, die ich mir beim Schreiben nicht leicht gemacht habe. Besonders die Namenswahl hat mich fast in den Wahnsinn getrieben. Ich saß dann hier mit 2 DinA4 Seiten mit Namen, aber keiner wollte mir so Recht gefallen. Alex und Nick, das ist irgendwie schon DAS Wahre. Allerdings kannst du dir sicher sein, dass sich im Verlauf der Geschichte das hoffentlich noch ändert, dass man nicht an DIE personen denkt. Aber allein weil es Brüder sind und die einzigen GEschwister die ich kenne, die so ein Enges Verhältnis zu haben scheinen, fällt auch mir beim Schreiben der Bezug von Bill und TOm nicht leicht zu vergessen. das ist aber ein großes großes Ziel, welches ich mir für die Handlung vorgenommen habe und nach und nach wird sich das wohl auch rauskristallisieren. ♥

      Auch das „Problem“ mit der Handlung im Kopf, das wird sich wohl noch ändern, ist mir auch aufgefallen, aber noch sind wir ganz am Anfang, der Geschichte, die Nick uns und euch erzählt, also sei gespannt.
      Ich danke dir sehr für dein tolles Kommentar, ich freue mich riesig über jede Art von Kritik und Anregungen und nehme diese sehr zu Herzen!
      Ich hoffe du wirst mir weiterhin ein treuer Leser – und Kommentarschreiber sein. L. ♥

  5. Rita schreibt:

    ach Mensch, das ist traurig. Ich frage mich, was passiert ist, dass er am 25.12. gestorben ist, wenn er nicht krank war. Muss zwar nicht mit Weihnachten zusammenhängen, könnte aber. Du könntest ja zumindest Nick immer mitnehmen, das wäre lustig. So als Markenzeichen. Weil er in den letzten Geschichten immer drin war. 😀 Es ist super und ich bin gespannt, was heute Abend passiert und ob wir dann erfahren, was los war. Ich freu mich so so sehr, wieder viel zu lesen von dir, das ist klasse!! (:

  6. Franzi schreibt:

    Ich habe es geschafft, deinen ersten teil im Bus zu lesen und diese beiden Namen haben mich auch wirklich stark an dein Buch damals erinnert o.O ich dachte erst die Geschichte geht damit weiter, bis ich gemerkt habe, dass es doch anders zu sein scheint =)
    ich liebe deinen Schreibstil und du machst das so gut, dass ich manches Mal denke ich habe ein Buch von Thalia in der Hand, was ich mir soeben gekauft habe =) und die ganzen Aspekte an die du dabei denkst, ich könnte nie so kreativ sein. Du bist eine Schreib-Wucht und ich lese den 2. Teil morgen im Bus, weil das immer so entspannend ist ♥ schlaf schön küsschen

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